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Klimawandel: Was ÖsterreicherInnen denken und wie sie sich von Deutschen oder SchweizerInnen unterscheiden

Unsere KollegInnen von klimafakten.de haben sich die European Social Survey genauer angesehen und Überraschendes herausgefunden.

Quelle: geralt / pixabay.

Der folgende Text von Toralf Staud ist zuerst auf klimafakten.de veröffentlicht worden.

 

Klimawandel: In Österreich mehr Skeptiker und Desinteressierte als in Deutschland oder der Schweiz

Das Großforschungsprojekt European Social Survey (ESS) hat in 18 verschiedenen Ländern Ansichten und Einstellungen rund ums Klima erhoben. Etliche Befunde deuten darauf hin, dass das Bewusstsein für die Erderwärmung in Österreich niedriger ist als in vielen anderen westeuropäischen Gesellschaften

Zweifel an der Existenz des Klimawandels sind in Österreich offenbar weiter verbreitet als in vielen anderen westeuropäischen Staaten. Zwar akzeptiert auch in der Alpenrepublik eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Erderwärmung - doch mit 7,3 Prozent meint eine vergleichsweise sichtbare Minderheit, das Klima ändere sich "wahrscheinlich nicht" oder "eindeutig nicht". Das geht aus Daten des European Social Survey (ESS) hervor. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl bei 4,5 Prozent, in der Schweiz bei 3,7 Prozent.

Der ESS ist eine großangelegte, sozialwissenschaftliche Untersuchung, die seit 2002 im Abstand von zwei Jahren Meinungen und Haltungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen erkundet. Insgesamt haben sich seit Bestehen des ESS 36 Staaten beteiligt; die genaue Zahl schwankt von Durchgang zu Durchgang, Österreich war bei fast jeder Untersuchung dabei. Die achte Befragungswelle fand im Jahr 2016 statt, erstmals wurden dabei auch Einstellungen zu Klimawandel und Energiepolitik untersucht. Europaweit nahmen mehr als 34.000 Bürger teil, in Österreich wurden zwischen September und Dezember 2016 vom Wiener IFES-Institut 2010 Personen befragt.

In Österreich zweifeln fast so viele Leute am Klimawandel wie in Polen

Seit Ende Oktober 2017 ist der gesamte Datensatz öffentlich zugänglich, einen ersten Vergleich von Klimawandel-Einstellungen in Europa hatte kurz vor Weihnachten ein Team des britischen National Centre for Social Research (NatCen) vorgelegt. Erstmals hat nun klimafakten.de gezielt die österreichischen ESS-Daten zum Thema genauer ausgewertet. Die Antworten gleich auf mehrere Fragen deuten darauf hin, dass die Österreicher dem Klimawandel skeptischer oder gleichgültiger gegenüberstehen als andere westeuropäische Gesellschaften.

Da ist zum einen die eingangs erwähnte Frage "Denken Sie, dass sich das globale Klima gegenwärtig verändert?" Im Durchschnitt aller ESS-Befragten in allen 18 Ländern antworteten 6,8 Prozent mit "wahrscheinlich nicht" oder "eindeutig nicht". Besonders hoch waren die Werte in mittel- und osteuropäischen Staaten, etwa der Tschechischen Republik (12 Prozent) oder Estland (9 Prozent). Spitzenreiter waren Russland (16 Prozent) und Israel (12,7 Prozent). Österreich lag mit seinen 7,3 Prozent fast auf dem Niveau von Polen (7,5 Prozent) - und höher als alle anderen westeuropäischen Staaten, die an dieser ESS-Runde teilnahmen (am geringsten waren die Werte in Island und Schweden mit 2,4 bzw. 3,2 Prozent).

Auch was die Ursachen des gegenwärtigen Klimawandels angeht, sind Zweifel am wissenschaftlichen Erkenntnisstand in Österreich relativ hoch. Während für die Forschung klar ist, dass der Mensch die Hauptursache ist, sagten immerhin 7,9 Prozent der Österreicher in der ESS-Erhebung, der Klimawandel gehe "nur" oder "vor allem" auf "natürliche Prozesse" zurück. Dies lag zwar nur leicht über dem gesamten ESS-Durchschnitt (7,7 Prozent), aber merklich über den Werten etwa in Deutschland (5,3 Prozent) oder der Schweiz (5,5 Prozent). Mittel- und osteuropäische Staaten verzeichneten auch bei dieser Frage hohe Werte (Russland: 13,7 Prozent, Estland: 11,2 Prozent, Tschechien und Polen je 10,4 Prozent); aber auch in Israel (14,4 Prozent) und Norwegen (12,5 Prozent) waren mehr als ein Zehntel der Befragten dieser Ansicht.

Nur relativ wenige Österreicher fühlen Verantwortung für Klimawandel

Deutlich wird in den ESS-Daten auch, dass generell die Aufmerksamkeit für den Klimawandel in Österreich schwächer ist als etwa in Deutschland oder der Schweiz. Während 54,1 Prozent der Schweizer und 52,8 Prozent der Deutschen angaben, sie hätten schon oft über die Erderwärmung nachgedacht, sagten dies bloße 31,1 Prozent der Österreicher. Und lediglich 28 Prozent der Befragten in Österreich bekundeten, der Klimawandel bereite ihnen Sorge - gegenüber 30,9 Prozent in der Schweiz und 44,8 Prozent in Deutschland.

Es überrascht daher wenig, dass Österreicher auch bei Fragen zum Klimaschutz hinter Deutschen und Schweizern liegen. Eine persönliche Mitverantwortung für die Erderwärmung fühlen in Österreich lediglich 30,4 Prozent der Befragten - in Deutschland hingegen waren es 41 Prozent und in der Schweiz sogar 44,6 Prozent. Ebenso fällt in der Alpenrepublik die Zustimmung zu höheren Steuern für fossile Energieträger schwächer aus: Während von den befragten Schweizern immerhin 47,6 Prozent "sehr oder "eher" für diese politische Maßnahme sind und in Deutschland immerhin noch 39,5 Prozent, betrug die Zustimmung in Österreich lediglich 31,9 Prozent.

"FPÖ hat anti-wissenschaftliche Positionen salonfähig gemacht"

Als "nicht überraschend" bezeichnet die Wiener Politikwissenschaftlerin Eva Zeglovits die Befunde. Sie ist eine der Geschäftsführerinnen der IFES-Instituts und analysiert seit langem unter anderem Wahlen in Österreich. Mit der FPÖ gebe es in Österreich eine seit Jahrzehnten sehr erfolgreiche rechtspopulistische Partei, erklärt sie, in der "ganz offen" und "immer wieder" Positionen vertreten werden, die dem Stand der Klimaforschung widersprechen. So verbreitete Parteichef Hans-Christian Strache beispielsweise im Sommer 2017 die Legende, früher hätten Menschen in Grönland Weinbau betrieben.

"Es ist typisch für Populisten, dass sie wissenschaftliche Ergebnisse infrage stellen. Dass sie behaupten, die Eliten würden den einfachen Bürgern vorschreiben, was sie zu denken und wie sie sich zu verhalten haben", so Zeglovits. Und wenn die Wissenschaft öffentlich von prominenten Stimmen - Strache ist inzwischen Vizekanzler in einer Koalition mit der konservativen ÖVP - infrage gestellt wird, dann würden solche Positionen aufgewertet. "Ich kann mir vorstellen, dass sie quasi salonfähig werden - und dass vielleicht auch die Hemmschwelle sinkt, diese Einstellungen in Erhebungen zu äußern."