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Die Unterschiede zwischen "Nature" und "Science" wissenschaftlich untersucht

Eine Analyse einer britischen ForscherInnengruppe benennt die Unterschiede zwischen den Editorials der beiden Journale und liefert Erklärungen.

Foto: pixabay / rawpixel.

Der folgende Artikel stammt von Eva Obermüller und ist am 30.05.2018 auf science.orf.at erschienen.

„Science“ und „Nature“ - an wissenschaftlicher Autorität und öffentlicher Aufmerksamkeit sind die zwei alteingesessenen Fachzeitschriften kaum zu überbieten. Arbeiten, die dort erscheinen, schaffen es nicht selten auf die Titelseiten. Die Journale prägen mitunter den gesellschaftlichen Diskurs und politische Entscheidungen. Eine besondere Rolle kommt dabei den Editorials zu. In diesen schreibt entweder der Herausgeber selbst oder ein geladener Autor über ein - aus Sicht der Zeitschrift - gerade besonders aktuelles und relevantes Thema.

Sowohl „Science“ als auch „Nature“ begleiten die wissenschaftlichen Arbeiten seit der Gründung (1880 bzw. 1869) mit solchen einleitenden Texten, in „Nature“ meist anonym, wenngleich in der Regel vom Chefherausgeber verfasst. In „Science“ wird der Autor genannt, hier werden manchmal auch Gäste dazu eingeladen, im Jänner 2017 z.B. Barack Obama.

Die Studie

Inhaltlich geht es weniger um objektive Fakten als um Wertungen und Meinungen; formuliert wird mitunter provokant bis kontrovers. Wie die Forscher um Mike Hulme von der britischen University of Cambridge schreiben, haben diese Meinungsstücke keinen geringen Einfluss, denn sie informieren eine elitäre Leserschaft darüber, welche wissenschaftlichen Themen für die Gesellschaft derzeit vorrangig sind. Untersucht wurden Editorials und ihre Wirksamkeit bis jetzt hingegen kaum.

"Klimawandel" mit stillem Beginn

Was sich daran ablesen lässt, hat das Team um Hulme nun am Beispiel des Begriffs „Klimawandel“ vorexerziert, erschienen ist die Analyse übrigens in einem „Nature“-Journal. Fast 500 Editorials zum Thema wurden von 1966 bis 2016 identifiziert, 333 in „Nature“, 160 in „Science“. Das sind insgesamt fünf bis sechs Prozent aller Editorials.

In den ersten zwei Jahrzehnten der Analyse ist der „Klimawandel“ kaum noch Thema, weder in „Science“ noch in „Nature“. Wenn er überhaupt vorkommt, wird eher gewarnt vor „Ökoalarmismus“. Inhalte wie Luftverschmutzung oder Energiesicherheit wurden kaum mit Klima in Zusammenhang gebracht. Erst in den späten 1980er erhält „Klimawandel“ in Europa wie in den USA mehr Aufmerksamkeit. Das zeigt sich laut Hulme auch in den Editorials.

Neue Sichtweisen

1988 widmeten sich das erste Mal zwei der Texte dem Thema. Erst nach 2000 wurde daraus ein echter Dauerbrenner, manchmal drehten sich sogar zehn Editorials pro Jahr und Zeitschrift rund um den Klimawandel. Die Aufmerksamkeit sank und stieg auch im Zusammenhang mit öffentlichkeitswirksamen Ereignissen, z.B. mit der Veröffentlichung des jeweiligen IPCC-Berichts oder rund um „Climategate“.

Veränderung gab es nicht nur in der Quantität, sondern auch in der Sichtweise. Zu Beginn ging es eher um wissenschaftliche wie technologische Fragen, hinzu kamen politische und gesellschaftliche Herausforderung. Erst in jüngerer Vergangenheit geht es vermehrt auch darum, wie man den Klimawandel öffentlich kommunizieren soll.

Andere Kulturen

Trotz aller Gemeinsamkeiten in der Entwicklung konnten die Forscher auch Unterschiede zwischen den Journalen ausmachen, die jeweils andere Hintergründe haben: Das US-amerikanische „Science“ ist das Aushängeschild der US-Forschergesellschaft (AAAS) mit über 130.000 Abonnenten. Der Hauptsitz ist in Washington, D.C.; in Europa gibt es nur eine Nebenstelle (Cambridge). „Nature“ hat seinen Hauptsitz in London, mit Geschäftsstellen der „Nature Publishing Group“ auf der ganzen Welt. Über 55.000 Abonnenten beziehen die Zeitschrift, die seit 2015 zu „Springer Nature“ gehört.

Über den gesamten Zeitraum betrachtet ging es in den „Nature“-Editorials häufiger um Strategien, Umsetzung und Politik. Bei „Science“ standen mehrheitlich die Herausforderungen in Technik und im Energiebereich im Mittelpunkt. Erst in der jüngeren Vergangenheit beschäftigen sich die Einleitungstexte des US-Magazins immer häufiger mit der öffentlichen Vermittlung des Klimawandels. Die Studienautoren erklären das mit der speziellen - nicht nur in Sachen Klima gespaltenen - US-amerikanischen Öffentlichkeit dieser Tage. Nirgends sei es so schwierig den Klimawandel an sich zu kommunizieren. Die Wissenschaftler müssen mit gezielten Desinformationskampagnen konkurrieren.

Geographische "Brille"

Dieses Problem habe „Nature“ mit seinem britisch-europäischen Hintergrund weniger: Hier sieht man sich bei dem Thema eher in der Meinungsführerschaft und kann daher laut über konkrete Strategien und Lösungen nachdenken. Auch die unterschiedlichen Kulturen innerhalb der Journale - wie etwa die vermeintliche Anonymität bei „Nature“ - beeinflussen die „Schlagseite“ der Editorials.

Politische wie kulturelle „Brillen“ bestimmen, wie wir die Welt sehen, erklärt Brigitte Nerlich von der University of Nottingham in einem Begleitkommentar. Das bestätige sich auch in der aktuellen Analyse. Wie wissenschaftliche Erkenntnisse interpretiert werden, hänge vom historischen sowie institutionellen Hintergrund und von der Geographie ab. Die Kommentare der Herausgeber haben eine wichtige Aufgabe an der Schnittstelle zwischen Forschung und Öffentlichkeit, so die Studienautoren, aber mit einer Stimme sprechen sie dabei selten.

 

Hier der Link zur Studie die in "Nature Climate Change" am 28.05.18 erschienen ist.