14.11.2017

WIFO-Experten beklagen Versäumnisse in der Klimapolitik

Angela Köppl und Stefan Schleicher haben sich am Montag mit Medienvertretern getroffen.


Foto: pixabay/Fotoworkshop4You.

Der folgende Artikel ist zuerst im Standard am 13. November 2017 erschienen (Text: Nora Laufer):

Die Kohlendioxid-Emissionen sind in Österreich - trotz der Vereinbarungen im Pariser Klimaabkommen - in den vergangenen drei Jahren gestiegen. "Der Trend setzt sich fort", sagte die Umweltökonomin des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, Angela Köppl am Montag in einem Pressegespräch.

Auch der Energieverbrauch wird heuer in Österreich voraussichtlich erneut steigen. Die Emissionsproblematik könne langfristig nicht nur durch erneuerbare Energien gelöst werden, warnt Köppl. Diese Meinung teilt auch Wifo-Experte Stefan Schleicher: "Das österreichische Energiesystem befindet sich auf Kollisionskurs." Er hält ein "kräftiges Reset" für notwendig.

Nächstes Level

Die Diskussion müsse dabei auf ein nächstes Level 2.0 angehoben werden, sagte Schleicher. Bisher standen die Fragen, woher Energie kommt und wie teuer diese ist, im Zentrum der Diskussion. Viel wichtiger sei es jedoch, die Frage nach dem "wofür" zu stellen und die Diskussion auf die gesamte Wertschöpfungskette "von der Verwendung bis zur Bereitstellung" zu lenken.

Schleicher betont, dass vor allem im Gebäudebereich noch viel Ausbaubedarf vorhanden sei. Häuser sollten künftig "multifunktional" gebaut werden, so der Experte. Solche Häuser beziehen ihre Energie aus einem räumlich kleinen Umkreis und funktionieren ansonsten energetisch autonom. Als Beispiele nennt der Experte Fotovoltaikanlagen für den lokalen Strombedarf. Eine weitere Möglichkeit sei die Umstellung von Nah- auf Fernwärme, zum Beispiel durch Abfallwärme und ein lokales Gasnetz mit Biogas.

Es gebe bereits jetzt einige nahezu energieautarke Gebäude in Österreich. Bisher sei das Interesse an solchen Projekten bei Investoren allerdings beschränkt. Ein Grund dafür könnten die höheren Investitionskosten sein, die für ein multifunktionales Haus anfallen. Schleicher beziffert diese mit drei bis sechs Prozent. Die Mehrkosten würden jedoch durch die vergleichsweise niedrigeren Betriebskosten langfristig gedeckt werden.

Staat soll informieren

Die Wifo-Experten sehen es als Aufgabe des öffentlichen Sektors, relevante Informationen in puncto Klimaschutz und Energieeffizienz zu verbreiten. Dass Märkte bisher noch nicht sensitiv für Innovationen, wie multifunktionale Häuser sind, liegt laut Scheicher an einem Informationsproblem. Um das Level 2.0 zu erreichen, werde die Bereitstellung öffentlicher Mittel nicht ausreichen, warnt Köppl. Auch das Setzen von Standards sei notwendig. Um solch einschneidende Maßnahmen zu setzen, brauche es aber auch Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung, sagte Wifo-Chef Christoph Badelt. "Eine Regierung reagiert nur darauf, wenn sie das Gefühl hat, das ist auch populär."